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- Amselsterben durch Usutu-Viren

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Biodiversitätskrise und Klimawandel:

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and we have to do it now,

together.

BirdLife International 2019

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AmselAmselAmselsterben infolge Infektionen durch Usutu-Viren

 

Das südafrikanische Usutuvirus führte seit 1996 (Italien) und 2001 (Wien) zu mehreren Ausbrüchen in europäischen Ländern. Da die Viren von Stechmücken beim Stich übertragen werden, ereignen sich die Ausbrüche im Hochsommer und Herbst, da warmes Wetter die Vermehrung von Stechmücken wie Viren fördert.

Usutuviren wurden 2010 erstmals in Deutschland in Stechmücken nachgewiesen und führten in 2011 zu einem ersten Ausbruch im Südwesten im Dreiländereck Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, dem vor allem Amseln aber auch in Gefangenschaft gehaltene Vogelarten (Bartkauz und andere Eulen) zum Opfer fielen. Auch in den Folgejahren bis 2013 gab es in dieser Region und entlang des Rheintales Virusaktivitäten und ein Amselsterben. Im Jahr 2016 kam es zu einer Verschiebung und Ausdehnung des Ausbruchsgebietes nach Norden: Das Amselsterben trat in Nordrhein-Westfalen, Ostdeutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und angrenzenden Regionen auf.

Im Hitzesommer 2018 erleben wir erneut einen Ausbruch mit besonderen Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen, Niedersachen, Bremen und Hamburg. In diesen Regionen konnten die dortigen Vögel noch keine Immunität bei vorausgegangenen Ausbrüchen erwerben.

Ausbrüche von Usutuviren können erhebliche Einflüsse auf Vogelbestände haben. Usutuviren sind in der Lage, Amselbestände dauerhaft und großflächig zu reduzieren. Hochrechnungen gehen von einer Abnahme von bis zu 30 Prozent aus. Eine Analyse von Gartenvogeldaten zeigt, dass in Usutu-Regionen der Amselbestand infolge des Virus um knapp 16 Prozent zurückgeht und auf 14 andere häufige Gartenvogelarten offenbar keinen Effekt hatte. Durch Mückenstiche können die Viren auch in den Menschen gelangen und in einzelnen Fällen und unter bestimmten Umständen neurologische Störungen hervorrufen. Auch aus diesem Grund ist eine Überwachung des Ausbruchsgeschehens (u.a. durch kontinuierliche Untersuchung von Stechmücken und toten Vögeln) wichtig.

Die Ausbreitung der Viren kann über Stechmücken und ziehende Vögel (möglicherweise auch über längere Strecken durch Zugvögel) erfolgen. Jahreszeitlicher Schwerpunkt des Ausbruchsgeschehens ist der Hoch- und Spätsommer sowie Frühherbst zwischen Juli und Oktober, vor allem in den Monaten August und September. Die Hauptinfektionszeit fällt in die Mauserzeit der Amsel, einer Phase im Jahr, die den Vogelkörper ohnehin beansprucht und schwächt.

 

Apathische AmselApathische Amsel

 

 

Betroffene Vögel erkennen

Betroffene lebende Vögel zeigen eine Reihe von Auffälligkeiten, die für eine Infektion mit Usutuviren typisch sind:

-          Der Vogel wirkt äußerlich intakt und unverletzt.

-          Sein Verhalten ist auffällig und untypisch: Die Amseln sind apathisch, teilnahmslos, wirken müde, erschöpft oder schwer krank und haben die Augen oft geschlossen.

-          Bei Annäherung fliegen die Amseln nicht wie gewohnt davon sondern bleiben sitzen oder hüpfen zu Fuß ins Gebüsch. Die meisten Amseln fliegen nicht mehr, diese Flugunfähigkeit wird manchmal als Flügelverletzung fehlinterpretiert.

-          Betroffene Vögel bewegen sich am Boden schwankend und torkelnd fort und verlieren das Gleichgewicht.

-          Die Vögel verweigern die Aufnahme von Nahrung und Wasser.

-          Mitunter kann weißer Kot an Schwanz und Bürzel kleben.

-          Das Gefieder ist aufgeplustert und wirkt ungepflegt und struppig.

-          Sterbende Vögel zeigen Krämpfe und zucken oder zittern dabei. Meistens tritt der Tod rasch oft innerhalb weniger Stunden oder Tage ein.

Für infizierte Vögel gibt es leider keine gezielten Behandlungsmöglichkeiten (Medikamente, Futter etc.). Üblicherweise sterben nicht alle Vögel im Ausbruchsgebiet, viele überleben und werden immun gegen die Viren. Sie können diesen überlebenden Amseln einen vogelfreundlichen, naturnahen Garten bieten.

 

Vögel, die an einer Usutu-Infektion verstorben sind, zeigen möglicherweise folgende Symptome:

-          Der Vogel liegt mit verkrampft abstehenden Beinen.

-          Weißer Kot an Schwanz und Bürzel.

-          Keine Verletzungen erkennbar. Allerdings können Beutegreifer tote Vögel „bearbeitet“ haben, so dass der Körper eröffnet ist oder der Kopf fehlt.

Sofern Sie frischtote Vögel finden, wäre es sehr hilfreich, wenn Sie die Vögel in einer Plastiktüte einfrieren und zur virologischen Untersuchung einsenden könnten. Nur mit Hilfe dieser Untersuchungen gelingt es, das Usutuvirus definitiv nachzuweisen und einen Überblick über die aktuelle Infektionslage zu bekommen. Entsprechende Untersuchungen führen örtliche Veterinärämter oder das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg durch.

Bitte melden Sie krank oder tot aufgefundene Amseln über die NABU-Homepage www.NABU.de und senden Sie wenn möglich tote Amseln zur Untersuchung ein! Von toten Vögeln geht keine Infektionsgefahr für Menschen oder Haustiere aus.

 

Bosch 2005: Vogelsterben durch Usutu-Viren. Ornithol. Mitt. 57: 192-195.

Becker et al. 2012: Epizootic Emergence of Usutu Virus in Wild and Captive Birds in Germany. PLoS ONE 7(29:e32604.

Bosch et al 2012: Das Usutu-Virus als Ursache von Massensterben bei Amseln Turdus merula und anderen Vogelarten in Europa: Erfahrungen aus fünf Ausbrüchen zwischen 2001 und 2011. – Vogelwarte 50: 109-122

Ziegler et al. 2015: Epidemic Spread of Usutu Virus in Southwest Germany in 2011 to 2013 and Monitoring of Wild Birds for Usutu and West Nile Viruses. Vector-Borne and Zoonotic Diseases 15(8): 481-

Cadar et al. 2017: Widespread acitivity of multiple lineages of Usutu virus, western Europe, 2016. Euro Surveillance 22(4):pii=30452.

Lühken et al. 2017: Distribution of Usutu Virus in Germany and Ist Effect on Breeding Bird Populations. Emerging Infectious Diseases 23(12): 1991-

Wir beteiligen uns seit 2011 aktiv an der Erforschung der Usutuvirus-Ausbrüche.

 

Geierköpfige und gerupfte Amseln

Im August sind viele Amseln im Gefiederwechsel und zeigen in diesen Wochen mitunter auch Gefiederauffälligkeiten: Kahlköpfige „Geieramseln“, grotesk zerzaustes Gefieder, wie explodiert abstehendes Bauchgefieder oder nackte Körperpartien. Diese Gefiederanomalien haben nach unserem Stand des Wissens nichts mit dem Usutuvirus zu tun und verschwinden mit Abschluss der Mauser. Wichtiger Unterschied zu Usutu-Amseln: Diese Vögel sehen zwar merkwürdig aus, verhalten sich aber völlig normal und machen einen fitten Eindruck.

Zerzauste Amseln treten zwischen April und Ende August mit Schwerpunkt Anfang August, glatzköpfige Vögel zwischen April und Oktober mit einem Schwerpunkt in der zweiten Septemberhälfte auf (diese Zeiten können variieren, da die Mauser auch vom Brutbeginn und dieser wiederum von der Witterung abhängt). Kahlköpfigkeit kann auch bei anderen Vogelarten auftreten, z.B. bei Kohlmeisen.

Sollten Sie Geieramseln oder andere Gefiederauffälligkeiten beobachten, machen Sie auf jeden Fall ein Digitalfoto und schicken Sie es uns mit Datum und Fundort (mit PLZ) zu!

 

Bosch 2013: Zerzaust, gerupft oder glatzköpfig: Gefiederauffälligkeiten bei Amseln Turdus merula infolge einer Infektion mit Usutu-Viren? – Ornithologische Mitteilungen 64 (11/12): 305-316

 

Black and white: Amseln mit weißen Federn

Farbabweichungen im Gefieder fallen bei schwarzen Vogelarten besonders auf. Gelegentlich kann man Amseln mit einer oder mehreren weißen Federn sehen. Diesen Federn fehlt der dunkle Farbstoff. Ursache dafür können Verletzungen der Federbasis oder Ernährungsstörungen sein. Bei Rabenkrähen sieht man öfters Flügelfedern mit weißlichen, verwaschen wirkenden Abschnitten. Diese „Hungerstreifen“ gehen auf Nahrungsmangel während der Nestlingszeit zurück und verschwinden bei der nächsten Mauser – sofern bis dahin die Ernährung stimmt.

Bei Amseln gibt es auch reinweiße Albinos, die sehr auffallen und leicht Beute von Beutegreifern werden. Allerdings halten sie sich in Siedlungen mit deckungsreichen Gärten und Futterstellen oft über lange Zeit unbeschadet.

 

Mauserpause im August

Im Monat August sind auffällig wenige Amseln in Gärten und Parks zu sehen. Von Usutuvirus-Ausbrüchen abgesehen ist das völlig normal, denn die Vögel sind mit dem Brutgeschäft fertig, ziehen sich zur Mauser zurück und weichen zur Nahrungssuche in andere Lebensräume aus.

 

Bosch 2011: Phänomen „amsel-freier“ August: Wo sind die Amseln Turdus merula im Spätsommer? Ornithol. Mitt. 63: 375-379

 

An dieser Stelle folgen demnächst Informationen zu Vogelpocken, Grünfinkensterben und Papillomatose beim Buchfinken.

(C) für alle Inhalte: S. Bosch